Rudolf Steiner

Eine neue Waldorfschule in der Stadt, Demeter-Produkte im Supermarkt, Weleda-Creme in jeder Drogerie oder Rudolf Steiners Wandtafelzeichungen zentral bei der Biennale in Venedig ausgestellt, seine Schriften neuerdings bei einem renommierten Verlag in kritischer Ausgabe, Diskussionen um ein bedingungsloses Grundeinkommen oder die Verleihung des alternativen Nobelpreises an zwei anthroposophische Kulturschaffende – Rudolf Steiner und sein Werk – die Anthroposophie – ist Teil der Alltagskultur geworden. Sie hat in den letzten 100 Jahren vielen Menschen ermöglicht, ihren Ideen und Initiativen neue Horizonte zu eröffnen. Die weltweit über 10.000 anthroposophischen Einrichtungen wie Kliniken, Schulen, Kindergärten, biodynamischen Höfe und heilpädagogische Heime, Arztpraxen, Kulturzentren und viele ungezählte Initiativen finden in allen Erdteilen vielfach Anerkennung. Dies nicht nur in privilegierten bürgerlichen Milieus wie vielfach in Deutschland, sondern auch in sozialen Brennpunkten westlicher Großstädte, in Südafrika, Südamerika, im Nahen Osten und in den letzten Jahren vermehrt auch in Asien.

Rudolf Steiner wird am 27. Februar 1861 im damals ungarischen Kraljevec geboren. Nach einer von Eisenbahn, Natur und einfachen Verhältnissen bestimmten Kindheit – sein Vater war Stationsaufseher der Österreichisch-Ungarischen Bahn – studiert er an der Technischen Hochschule in Wien naturwissenschaftliche Fächer, besucht Vorlesungen in Literatur und Geschichte und vertieft sich in die Philosophie. Er ist Hauslehrer und Redakteur der «Deutschen Wochenschrift» in Wien und gibt später am Weimarer Goethe-Archiv Goethes Naturwissenschaftliche Schriften heraus und promoviert in Philosophie. Daneben publiziert er eigene Abhandlungen, insbesondere zu Goethe und Nietzsche, zur Philosophie und Geistesgeschichte. 1893 erscheint sein philosophisch-anthropologisches Hauptwerk: «Die Philosophie der Freiheit».

1897 zieht er nach Berlin zur Herausgabe des «Magazins für Literatur», ist Redakteur der «Dramaturgischen Blätter des Deutschen Bühnenvereins», übernimmt die Moderation des Künstlerforums «Die Kommenden» und unterrichtet an der sozialistischen «Arbeiterbildungsschule». Er ist Teil des Bohème-Lebens im Berlin der Jahrhundertwende, immer in wirtschaftlich bedrängten Verhältnissen.
In Freundschaften und Bekanntschaften – von der Frauenbewegung über die Literatur- und Theaterszene, von Kunst und Philosophie bis zur Theosophie – erweitert er seinen Horizont im zeitgenössischen Kontext. 1901 schreibt er Artikel gegen den Antisemitismus und hält den Vortragszyklus «Das Christentum als mystische Tatsache».

Mit Marie von Sivers, seiner späteren Frau, übernimmt er ab 1902 den Aufbau der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft. Ab diesem Zeitpunkt ist sein Leben weitgehend der anthroposophischen Arbeit gewidmet. 1904 erscheint das Buch «Theosophie» und in einer fortgesetzten Schriftenreihe «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». 1909 veröffentlicht er «Die Geheimwissenschaft im Umriss». Diese anthroposophischen Grundschriften bauen auf die Geistesgeschichte des christlichen Abendlandes und skizzieren seinen spezifischen Beitrag einer lebensbezogenen Spiritualität, die an das wissenschaftlich-technische Bewusstsein des Abendlandes anknüpft und dieses weiterführen möchte.

Zwischen 1910 und 1913 werden seine vier «Mysteriendramen» in München aufgeführt – der Anfang anthroposophischer Kunst. 1912 gibt er den ersten Kurs zu einer neuen Bewegungskunst: die Eurythmie entsteht. Im selben Jahr wird der Bau eines zentralen und repräsentativen Gebäudes für die Anthroposophie in Dornach (bei Basel/Schweiz) begonnen: das Goetheanum. Über 6.000 Vorträge wird er bis zu seinem Tode halten – von großen, öffentlichen Vorträgen in Festhallen über interne für die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft bis hin zu Ansprachen für ausgewählte Fachkreise oder intime Schülerkreise.

Gedrängt durch die Schrecken des Ersten Weltkriegs und das geistige Vakuum Mitteleuropas beginnt Rudolf Steiner 1917 in Deutschland seine Idee der «Dreigliederung des Sozialen Organismus» auszuarbeiten. Sie wird zu einer Bewegung – in der Arbeiterschaft, auf der Ebene hochrangiger Politiker und unter prominenten Künstlern und Wissenschaftlern. Im Zuge dieser Bewegung wird 1919 in Stuttgart die erste Waldorfschule gegründet.

Mit der Ärztin Ita Wegman entwickelt Rudolf Steiner die Grundlagen einer anthroposophischen Medizin sowie Heilmittel und ihre Herstellungsverfahren, auf Anfrage von Pfarrern und Priestern gibt er Anregungen, die zur Gründung der «Christengemeinschaft» führen.

Ende 1923 gründet Rudolf Steiner die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft als Zusammenfluss der nun international gewordenen Bewegung, beginnt den Aufbau der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft als ihren geistigen Mittelpunkt und beginnt nochmals eine fundamentale Neuformulierung der Anthroposophie. In seinem letzten Lebensjahr begründet er die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise, die anthroposophische Heilpädagogik und Sozialtherapie; Kurse für Ärzte, Künstler, Lehrer und Priester erweitern die Vielfalt und verdichten nochmals die spirituelle Substanz der entstehenden Kulturinitiativen. – Am 30. März 1925 stirbt Rudolf Steiner in Dornach.

Robin Schmidt

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