Vom Lernen der Lehrer

Ist der Lehrerberuf an einer Waldorfschule der richtige für mich? Traue ich mir zu, die vielfältigsten Beziehungen einzugehen, zu Kindern und Jugendlichen, zu den Eltern, zu den Kolleginnen und Kollegen? Habe ich die Fähigkeit, mich in einen anderen Menschen, in diesem Falle Kinder, hineinzuversetzen? Und nicht nur das: eine innere Beziehung muss ich auch zu den Lerninhalten aufnehmen! Wie kann ich z.B. als künftige/r Klassenlehrerin im Unterricht der Gesteinskunde das Wesen eines Bergkristalls „empathisch“ schildern, in der Geographie die Sahara oder eine erste Klasse mit den Anfangsgründen des Rechnens vertraut machen? Ein gelingender Unterricht beruht immer auch auf einer moralischen Beziehung der Lehrer zur Welt, um deren Vermittlung es ja schließlich geht.

Ist man in der Lage, ein angelerntes Erwachsenendenken, das alles kennt, dem alles klar und einsichtig ist, gründlich an den Nagel zu hängen, will heißen, die Gegenstände so zu sehen, als wenn man sie zum ersten Mal sieht.

Wenn man Kinder erziehen will, die auch quer denken können, dann wird man selber zum Querdenker werden müssen. Kurz - denke ich mehr aus der Vergangenheit, bin ich Traditionen, Normen und Konventionen zu stark verhaftet, dann wird einem diese innere Umstellung schwer fallen. Kinder und vor allem auch Jugendliche sind zukunftsorientiert. Zukunft bedeutet äußere und auch innere Unsicherheit. Von Lehrern ist hier vor allem eine besondere Art von Phantasie gefordert, die an keiner Stelle „abhebt“ und sich nur selber ausleben will. Es geht nach wie vor und mehr denn je um die Gestaltung der Zukunft im kleinsten eigenen Bereich und in gesellschaftlichen Zusammenhängen. Lehrer brauchen eine soziale Phantasie, die auf die Umwandlung bestehender Verhältnisse gerichtet ist.

Noch etwas ist von Bedeutung: Vor allem kleinere Kinder haben die meist unausgesprochene Erwartung an ihre Lehrer, dass sie mit ihren persönlichen Problemen produktiv umgehen können. Die Pädagogik ist nicht der Ort, an dem sich Erwachsene auf Kosten der Kinder therapieren.

Gerade dann, wenn man kein Lehrerstudium durchlaufen hat, also nicht „vom Fach“ ist, merkt man sehr schnell, was man alles noch nicht kann. Das zeigt sich insbesondere in künstlerischen Bereichen. Hier ist die Bereitschaft zum übenden Umgang gefragt. Dann wird man sich ganz schlicht auch eine Reihe von neuen Wissensgebieten zu erarbeiten haben. Interesse an allem, vor allem auch an Bereichen, die vielleicht für einen selbst ganz neu sind, wird vorausgesetzt.

Das gilt insbesondere auch für die anthroposophisch–menschenkundlichen Grundlagen der Waldorfpädagogik, mit deren Ansätzen und Besonderheiten man sich in Vorbereitung auf die Ausbildung schon einmal genauer über einige Ansätze und Besonderheiten der Waldorfpädagogik zu informieren. Zu empfehlen ist immer auch eine Beschäftigung mit den Argumenten und Erfahrungen der Kritiker. In jedem Fall sollten grundsätzliche Fragen vor Beginn einer Ausbildung geklärt sein. Immerhin - in der Auseinandersetzung mit der Anthroposophie tauchen einige Ideen und Begriffe vom Menschen auf, die so „ganz anders“ klingen, als man es vielleicht bisher gewohnt war. Soviel sei hier gesagt - man wird einer Vorstellung vom Menschen begegnen, die sich nicht beschränkt auf die Meinung, er sei nur eine Mischung aus genetischen Anlagen und Umwelteinflüssen. „Die Augen öffnen“ für das Individuelle, Unverwechselbare jedes einzelnen Menschen ist das zentralen (Aus-) Bildungsanliegen für den Lehrerberuf.

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