Vom Unterricht an der Waldorfschule

Ich stelle mir vor, dass ich morgen eine Unterrichtsstunde halten soll.
Es geht um die Tulpe. Ich sitze am Schreibtisch und bereite mich vor.
Was ist zu tun? Weil ich von der Tulpe wenig weiß, greife ich zu
einem alten Biologiebuch im Regal. Da lese ich, dass die Tulpen zu den Zwiebelgewächsen gehören. Es werden Merkmale beschrieben. Ich verschaffe mir noch die eine oder andere Information z.B. über Herkunft und Züchtung in Holland. Bin ich jetzt vorbereitet?

Was haben die Kinder gelernt? Vielleicht wieder einen neuen Weltinhalt in einige abfragbare Einzelteile zu zerlegen? Aber der Unterricht dient nicht nur der Vermittlung von Wissen sondern vor allem der Bildung von Fähigkeiten. Dabei geht es weniger um Aufnahme und Reproduktion sondern darum, an den Dingen etwas von der Welt und letztlich auch über sich selber zu erfahren. Was bedeutet das aber für die Unterrichtsvorbereitung? Wodurch wird ein Weltinhalt schulfähig? Immer steht man als Lehrer vor der Aufgabe, sich mit den geistigen Strukturen des Stoffes auseinanderzusetzen. Ein Beispiel: In einer Biologiestunde haben die Kinder die Aufgabe, in Gruppenarbeit einen Hering zu untersuchen. Interessiert sind sie bei der Sache und machen allerlei Entdeckungen, die dann festgehalten werden. Am Ende tragen sie ihre Beobachtungen zusammen. Eine gelungene Stunde? Äußerlich ja. Die Sache hat nur einen Haken: der Hering war tot. Ist aber ein toter Fisch noch ein Fisch? Anders gefragt - wie lassen wir die Welt auf ihrem Weg in den Unterricht hinein lebendig? Oder - wie bekommen wir es hin, dass totes und abstraktes Wissen in den Seelen der Kinder wieder lebendig wird? An dieser Stelle wird die Problematik technischer Medien deutlich, die allenfalls ein virtuelles Scheinleben erzeugen können. Das Vordringen zu den geistigen Strukturen der Unterrichtsinhalte ist eine zentrale Aufgabe für Lehrer.
Gefragt ist die Fähigkeit, sich in die Dinge, die man im Unterricht behandeln will, innerlich hineinzuversetzen. Wir lernen beim Rechnen nicht nur den äußeren Vorgang der Multiplikation, sondern fragen danach, was mit uns selber geschieht, wenn wir eine Zahl mit einer anderen malnehmen. Dabei entdecken wir die Unterschiedlichkeit von Multiplikator und Multiplikand. Es ist nicht gleichgültig, ob ich einmal eine Million rechne oder eine Million mal eins. Indem wir in dieser Weise vorgehen, bringen wir uns selber in eine Lernsituation hinein. Das ist von großer Wichtigkeit, denn es geht darum zu verstehen, was sich in den Kindern abspielt, wenn sie lernen.

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