Musik

Was bewegt uns und was ist Musikunterricht heute?

Das Seminar für Waldorfpädagogik Berlin lädt Musiklehrer*innen zum methodischen und didaktischen Betrachten und Erfahren der Unterrichtspraxis in der Waldorfmusikpädagogik ein. Geleitet vom Dozententeam in der Fachmethodik Musik am Seminar, bildet ein menschenkundliches Eintauchen in den Musikunterricht das Hauptziel dieser ersten Reihe von Intensivkursen im Singen und Instrumentieren in den Klassen 1 bis 8. Der Kurs bietet Musikpädagog*innen eine Beteiligung an Reflexionsprozessen, die auch eine lehrende Künstlerschaft implizieren, d. h. dass die Dynamik und Resonanz der pädagogischen Tätigkeit, sowie die Gestaltung neuer Lehrstrategien in Bezug auf den Musikunterricht in der Waldorfschule, in dieser Weiterbildung im Vordergrund stehen.

Termine für das Studienjahr 2020/21

Aufgrund der SARS-CoV-2-Infektionsschutzverordnung und entsprechend der aktuellen Lage kann es zu Planänderungen kommen!

Zum musikalischen Angebot im Lehrerseminar

Musik ist eine flüchtige Kunst. Sie hat es mehr mit der Zeit als mit dem Raum zu tun. Man kann sie hören aber nicht sehen. Im Sehen verweilen wir mehr an den Oberflächen der Dinge. Im Hören dringen wir in die Dinge ein und deren Seelenleben wird bis in seine Tiefenschichten berührt. Das Ohr ist (mehr) mit dem ganzen Menschen verbunden als das Auge. Die Augen kann man schließen, die Ohren nicht.

In dem Wissen, dass unser Sein mit der Musik tief zusammenhängt, bauen wir die pädagogischen und didaktischen Prinzipien unseres Programms auf. Wir begleiten Erwachsene auf dem Weg, ein Ideal zu entwickeln, das der Waldorf-Pädagogik ebenso nahekommt wie der Kunst selbst: Wir unterrichten Musik, während wir in der Musik die wesentlichste Form des Menschen wiedererkennen, das heißt, wir unterrichten in Musik. Diese Art des Unterrichtens beinhaltet drei Hauptschwerpunkte: das Anerkennen des eigenen Selbstwesens, das Anerkennen des Wesens des Kindes und die Betrachtung der Musik als Begegnungsraum.

Anerkennen des eigenen Selbstwesens

Wenn ich nur einen Ton singe, geschieht Erstaunliches: Der Ton hält sich in mir und ich halte den Ton. Er geht nicht verloren. Dabei wird er immer neu erzeugt. Immer geht es um das Zusammenspiel von Werdendem und Gewordenen. Kreativität und Erinnerung wirken zusammen. In der Dynamik der Schule bietet uns die Musik nicht nur einen Didaktischen Raum, sondern auch ein Sprachrohr im pädagogischen Sinne. Die Musiksprache erlöst die Klangnatur des Individuums. Sie ermöglicht uns, das Menschliche als musikalische Realität selbst zu identifizieren. In der ersten Physikepoche zum Beispiel, setzen sich die Kinder mit der Akustik auseinander. Sie erfahren, dass jedes Ding seinen Ton hat. Am Ton erkennt man das Material. Eisen klingt anders als Holz oder Blei. Ton und Klang hat immer mit dem Eigenwesen zu tun.

Dieser Prozess der Selbsterkenntnis findet in seiner praktischsten Qualität seinen Ausgangspunkt und seine Entwicklungslinie des Erkenntnisprozesses. In diesem Sinne wird auch die Beschäftigung mit Musik in praktischer Weise während der Ausbildung gepflegt. Vom Erlernen des pentatonischen Instrumentariums (Harfe und Flöte), den Flöten besser: in der Vielfalt ihrer unterschiedlichen Stimmlagen, dem Trommeln als Erlernen und Erleben von verschiedenen kulturellen Rhythmustraditionen, bis hin zum Erlernen von Begleitinstrumenten für die Mittelstufe (Gitarre/Ukulele) und dem kontinuierlichen Ausüben des eigenen Hauptinstruments. All das ist ein wichtiger Bestandteil unseres Programms und unserer Kurse.

Anerkennen des Wesens des Kindes

Was aber ist für eine bestimmte Altersstufe geeignet? Wie begleiten wir die Entwicklung der Kinder musikalisch in der richtigen Weise? Wie lange sollen sie einstimmig singen? Wann können sie Dur und Moll nicht nur äußerlich unterscheiden, sondern auch innerlich erleben? Ist das überhaupt vor der Pubertät möglich?

All diese Fragen schwingen ständig in der täglichen Arbeit des Lehrers mit und erfordern daher in der pädagogisch-musikalischen Tätigkeit eine laufende Reflexion über das Kind, seine Entwicklung, seine Eingliederung im sozialen Umfeld. Musik bietet uns in diesem Zusammenhang ein wichtiges Beobachtungs- und Untersuchungsfeld, um das Kind besser verstehen zu lernen. Ein klares Ziel unserer Ausbildung ist es, Musik als Diskurs über den Menschen und seine Entwicklung zu konstituieren.

Einen Diskurs in diesem Sinne aufzubauen bedeutet, Kernpunkte für die Reflexion in einem musikalischen Rahmen festzulegen: die Berücksichtigung der kindlichen Entwicklung auf der Grundlage der historischen, musikalischen Entwicklung der Menschheit, das Erlebnis musikalischer Formen (Dur-Moll, Intervall), Gattungen (Sonatensatz), Strukturen (Tonleiter)  in Verbindung mit dem zeitlichen und räumlichen Erlebnis in den verschiedenen Evolutionsstufen des Menschen.

Musik als Begegnungsraum…

Im Erfahren von Musik stößt man auf die Erlebnisunterschiede von Dur und Moll: Einmal wenden wir uns mehr der Außenwelt zu, einmal sind wir mehr in uns selber. Takt und Rhythmus vermitteln uns in besonderer Weise etwas vom Wesen der Musik als Zeitkunst. Bei jedem noch so kleinen Liedchen wird Zeit gestaltet. Das alles sind Dinge, die zur lebendigen, erfahrbaren inneren Erfahrung werden sollen. Wissen allein reicht hier nicht, genauso wie es nicht möglich ist, jemandem das Klavierspielen nur zu erklären.

Eine elementare Stufe in der Auseinandersetzung mit Musik bilden die Intervalle. Wir hören zwei Töne gleichzeitig oder nacheinander: je nach Abstand voneinander unterscheidet sich unser Erleben. Hier steht die Erfahrung im Mittelpunkt, dass das Musikalische eigentlich zwischen den Tönen lebt. Das heiß, es ergibt sich aus der Begegnung. Die Wirkung der Musik liegt in dem Zusammenklang.

Auf ähnliche Weise kann Musik als Begegnungsraum zwischen Lehrer und Schüler, zwischen dem Kind und dem Erwachsenen, sowie zwischen dem heutigen und dem gestrigen Kind verstanden werden. Musik ist der Ort des Dialogs zwischen Individualitäten, der Raum der biografischen Wiedererkennung. An dieser Stelle liegt unsere Betonung auf dem praktischen Prozess, der frühen Begegnung mit der Schulrealität sowie einer tiefen und kontinuierlichen Beschäftigung mit der Lehrtätigkeit, um die Begegnungsqualität in unserer Ausbildung zu sichern.

Auch, wenn im Unterricht an einer Waldorfschule viel gesungen und musiziert wird – das Ziel liegt nicht darin, möglichst viele Musiker hervorzubringen. Die Wirkung der Musik geht in andere Bereiche hinein. Man singt zusammen. Der Zusammenhang von Musik und der Entwicklung von sozialen Fähigkeiten ist unmittelbar erlebbar. Musik ist immer gestaltete Zeit. Und das Wichtigste – Musik macht Freude, immer wachsen wir etwas über uns selbst hinaus. Und dass die Musik vor allem auch eine Auswirkung auf die geistigen Fähigkeiten von Kindern und Jugendlichen hat, dafür gibt es neben konkreten Erfahrungen inzwischen auch Belege. Der Ton macht offenbar nicht nur Musik, sondern bildet den ganzen Menschen.

mehrweniger