Malen, Zeichnen, Farbenlehre

Keine Angst vor Rot, Gelb, Blau!

Ein Bild in der Neuen Nationalgalerie Berlin heißt: Who´s Afraid of Red, Yellow and Blue. Die riesigen Farbflächen in Rot und Gelb, von einem Streifen Blau unterbrochen, sind streng nebeneinander gesetzt. Da sie so groß sind, dass ich mich ihnen nicht mehr gegenüberstellen kann, werde ich ins Bild hineingezogen. Ich bin in der Farbe drin.

Viele sind wohl gewöhnt, Farbe nur als ein Attribut, als eine Färbung von Dingen anzusehen. Kann sie aber auch etwas aus sich selbst heraus sein? Ein Zustand innerhalb der Welt, der für sich selbst spricht? Die Farben der Atmosphäre und des Lichts sowie Empfindungen und Gefühle, die zu den Farben auftauchen, können uns auf die Spur bringen. Die einzelnen Farben als unterschiedliche Kräfte oder Energien zu erfahren - das ist auch der Einstieg in die malerischen Übungen am Seminar. Vorerst gibt es kein anderes Motiv als die Farbe selbst in ihren unterschiedlichen Schattierungen, Übergängen und Verwandlungen. Hieraus werden Farbklänge und Stimmungen entwickelt, die in inhaltliche Motive münden können. Abstrakt oder gegenständlich. Ausgangspunkt ist jedoch immer die Ausdruckskraft der Farbe selbst.

Die Aquarellmalerei hat am Seminar wie auch in der Waldorfschule einen herausgehobenen Stellenwert. Warum? Das bewegliche Medium der Wasserfarbe kann sehr stark die Fantasie anregen und im Zusammenwirken von Gewolltem und Zufälligem zu überraschenden Bildern führen. Das Zufällige beflügelt die Fantasie. Vorgefasste Vorstellungen werden dabei „verflüssigt“, um dem noch Unbekannten Raum zu geben. Durch die Hinzunahme von Techniken wie Pastell, Ölkreide, Kohle, Acryl etc. wird das Spektrum der bildnerischen Mittel erweitert und bereichert. Jeder kann hier seiner individuellen Sensibilität und Neigung folgen und seine eigenen Ausdrucksformen entwickeln.

Übungen und Betrachtungen zur Farbenlehre werden in den Unterricht mit eingeflochten. Dabei wird im Speziellen die Farbenlehre Goethes behandelt.

Zeichnerisch liegt der Schwerpunkt darauf, Bildmotive aus dem Hell- Dunkel zu entwickeln. Aus flächenhaften Schattierungen wird die Form gebildet. Die Linie als Kontur hat dabei eine untergeordnete Rolle. Sie charakterisiert hier die Formen, aber sie bildet sie nicht. Zu eigenem Spiel und Leben gelangt die Linie im Formenzeichnen. Vom rhythmisch– ornamentalen Ausdruck bis hin zur frei schwingenden Gebärde.

Im Hinblick auf das Tafelzeichnen des Lehrers werden bestimmten Techniken des Bildaufbaus erlernt und dabei figürliche Themen frei erarbeitet. Räumliches und figürliches Zeichnen wird nach der Natur geübt.

Bei all dem ist es ein großes Anliegen, die bildnerische Neugier und die Experimentierfreude der Teilnehmer zu wecken und das Vertrauen in die eigenen schöpferischen Fähigkeiten zu stärken, denn auch das soll schließlich an die Kinder weitergegeben werden. Wenn dies glückt, so könnte es weit über das hinausführen, was man für gewöhnlich als ein nötiges künstlerisches Rüstzeug für den Lehrer ansehen würde.

Hubert Schmidleitner <<