Klassenlehrer*in

Der/Die Klassenlehrer*in ist so etwas wie ein Markenzeichen der Waldorfpädagogik. Acht lange Jahre – wenn nichts dazwischenkommt – soll eine Klasse geführt werden. Unterrichtet wird in allen Grundlagenfächern, auch in Bereichen, die man sich neu erarbeiten muss. Das bedeutet, dass die Kinder immer wieder erleben, wie sich ihre Lehrer*innen den Stoff neu erarbeiten.

Was ist in der Seminarausbildung zu lernen? Man kann nur exemplarisch vorgehen. Eine große Rolle spielt natürlich der Anfangsunterricht in den unteren Klassen. Hier stehen insbesondere die methodischen Fragen im Vordergrund. Die Einführung der Schrift, das erste Rechnen und ein erster Blick auf die grammatikalischen Grundlagen der Muttersprache werden gründlich durchgearbeitet.

Eine gründliche Vorbereitung erfordert die Naturkunde. Wie gelingt es, zu Tieren und zu Pflanzen eine innere Beziehung herzustellen? Ist in meiner Schilderung oder im anschließenden Gespräch mit den Kindern einer vierten Klasse ein Maulwurf wirklich anwesend? Und erheben sich die Kinder zusammen mit ihren Lehrer*innen wirklich in die Lüfte, wenn von Raubvögeln die Rede sein soll?

Welche Bilder ergeben sich für die Pflanzenbetrachtung? Eine Sonnenblume mit einer Herbstzeitlosen zu vergleichen macht das eigene Seelenleben in hohem Maße lebendig. Und die Geschichte: Wie gehe ich mit der Forderung konkret um, dass es nicht nur um Kausalketten geht? Ist die Vergangenheit wirklich immer die Ursache für die Gegenwart? In der Menschenkunde der achten Klasse soll das Herz in einer Art beschrieben werden, dass es sich in den Seelen der Schüler*innen nicht nur als ein mechanisches Pumporgan festsetzt.

Damit aber nicht genug –

Einem/einer Klassenlehrer*in sollte ein ganzer Sack von Geschichten, Liedern und allerlei Sprüchen und Gedichten zu Verfügung stehen.

Der Epochenunterricht, den die Klassenlehrer*innen täglich zu geben haben, beginnt mit einem so genannten rhythmischen Teil, in dem es vor allem um einen künstlerisch– praktischen Umgang mit der Bewegung, der Sprache und der Musik geht. Für viele Student*innen bedeutet gerade dieser Unterrichtsteil eine echte Herausforderung.

Am Ende der Stunde steht das Erzählen. Es beginnt mit den Märchen in der ersten und endet mit biographischen Darstellungen in der achten Klasse, die allesamt ohne Buch in der Hand dargeboten werden sollen, schon, um den Kontakt zu den Kindern nicht abreißen zu lassen.

Darüber hinaus stehen weitere Themen an: Wie gestalte ich einen Elternabend? Was mache ich mit schwierigen Schüler*innen? Wie verhalte ich mich bei allerlei Unterrichtsstörungen? Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit von Klassenlehrer*innen und Fachlehrer*innen, welche Möglichkeiten der Zusammenarbeit gibt es? Und vor allem – was tue ich für meine Fortbildung?

Man ahnt vielleicht einen weiten Bogen, der immer auch in die menschenkundlich – anthroposophischen Grundlagen des Unterrichts hinein reichen sollte. Hier ist vor allem Souveränität gefordert. Die wird aber erst nach und nach in der Praxis entstehen. Da gilt vor allem: unterrichten lernt man am besten durch unterrichten. Aus diesem Grunde haben die Praktika in der Ausbildung einen großen Stellenwert. Die vielen Anregungen, die sich in der konkreten Arbeit mit den Schüler*innen und in den Gesprächen mit den Mentor*innen ergeben, haben einen unschätzbaren Wert. Immer wieder ist zu erleben, dass gerade nach einem Praktikum die Ausbildung am Seminar erst ihren „richtigen Biss“ erhält.

Und am Ende steht in der Regel das Erlebnis, dass man eigentlich viel zu wenig gelernt hat. Wenn das nicht so wäre, dann wäre allerdings auch etwas falsch gelaufen.

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