Methodik-Didaktik

Klassenlehrer*innen sind Personen mit einem leidenschaftlichen Interesse an Menschen, Tieren, Pflanzen und Mineralien, deren Bewegungen und Beziehungen zueinander unsere Welt gestalten. Sie sind Menschen, die Neugier in die Zusammenhänge von Kultur und Natur, Maschine und Mensch, Sprache und Technik, das Handwerkliche und künstliche Intelligenz haben. Sie sind beweglich in Gedanken, Wort und Körper. Sie sind unermüdliche Optimist*innen.

Die Methodik der Klassenlehrer*innen an einer Steiner/ Waldorfschule fängt an in der Entwicklung von einer menschenkundlich-fundierten pädagogischen Position und der Schulung einer Fähigkeit zu pädagogischer Wahrnehmung und Beobachtung. Kinder kommen nicht Tabula Rasa in die Schule. Sie bringen Familiengeschichte, kulturelle Prägungen und eine zunehmend von außen beeinflusste Vorstellungswelt mit, die die einmalige, individuelle, innere Bilderlandschaft, die jedes individuelle Bewusstsein ausmacht, verschleiert und überdeckt. Sie bringt eine völlig verwandelte Beziehung zur eigenen Körperlichkeit und Bewegung mit sich, sowie eine Beziehung zur physischen und handwerklichen Arbeit, komplett geprägt von Automatisierung und Digitalisierung – wo sogar Gedächtnis und Erinnerung maschinell und digital in der Außenwelt bestehen. Ihre Welt ist gekennzeichnet von einer Verwandlung des Verständnisses von Autorität, Wahrheit und Fakt und einem Verschwimmen von Realität und Virtualität in einander.

Hier kann eine Auffassung von Pädagogik als Wissenschaft, Technik oder Methodik nicht mehr nachhaltig weitergeführt werden.

Der Klassenlehrer*in-Ansatz in Steinerpädagogik hat viel mehr mit künstlerische Prozessarbeit zu tun, als mit Methoden oder Techniken. Studierende werden vorbereitet, Unterrichtschoreographien oder Flows zu entwickeln, in denen Schüler*innen Unterrichtsinhalte erleben, erkennen und benennen. Die Unterrichtsgestaltungsprinzipien des Schlusses, bzw. einen erlebenden Anschluss oder Zugang zu dem Unterrichtsmaterial, der Urteilsbildung – durch affektive, ästhetische und soziale Lernprozesse – und der eigenen Begriffsformulierung, stehen im Mittelpunkt des Lehrens und Lernens. Die Lehrer*innen inszenieren den Unterricht mit liebevoller Autorität, nicht im Sinne von einem Aufbau von Machtverhältnissen oder -Hierarchien, aber sie setzten pädagogische Impulse als Autor*innen des pädagogischen Geschehens im Unterricht. Der Unterricht findet epochal statt und Lehrer*innen und Schüler*innen arbeiten gemeinsam über mehrere Wochen an Themen in einem Fach.

Studierende werden vorbereitet, auf erziehungskünstlerische Art, die Unterrichtsgestaltung für den Anfangsunterricht zu konzipieren. Die Einführung der analogen Kulturtechniken des Schreibens, Lesens und Rechnens in Klasse 1 bis 3 ist fundiert in dem sinnlichen, rhythmisierten, plastisch-bildnerischen und musikalisch-sprachlichen Erlebnis des Unterrichts und eingebettet in ein tiefes Verständnis von den psychologischen und emotionalen Entwicklungsphasen in dem die Schüler*innen sich befinden. Der Lehrplan spiegelt diese Entwicklungsgedanken auch in der Programgestaltung von Unterrichtsinhalte im Laufe des Schuljahres. Im Verlauf von 8 Jahren werden die Schüler*innen so auch hin zu souveräne Medienmündigkeit geführt.

Ab der 4. Klasse wird aus dem ganzheitlichen, fachübergreifenden Ansatz des Anfangsunterrichts, zunehmend natur- oder geisteswissenschaftliche Schwerpunkte in den Epochen vermittelt. So entwickelt sich die Spezialisierung in den bekannten akademischen Fächerpaletten während der zweiten Hälfte der Klassenlehrer*innenzeit. In den Klasse 4 bis 8, spielen soziales Lernen und kooperative Lernformen eine zunehmend wichtige Rolle und Studierende werden auch im Einsatz dieser Lernformen geschult.

Große Betonung liegt auf dem Üben von Erzählungen und bildhaften pädagogischen Darstellungen. Literarische Formen wie Märchen, Fabeln, Legenden, Balladen oder Sagen werden geübt, aber ebenso die beschreibenden Darstellungen von Natur- und Kulturphänomenen in Geschichtslehre, Geographie und Naturkunde. Die Kunst des Imaginierens ist ein Merkmal der Sprachentwicklung von Studierenden am Lehrerseminar. Den phänomenologischen Ansatz der Steinerpädagogik und dessen Etablierung in z.B. Grammatikunterricht, Biologie oder Physik wird auch intensiv bearbeitet in diesem Ausbildungsgang. Grundlegend für die akademische Qualität der Waldorfpädagogik, ist die Fähigkeit Räume zum Staunen und Lauschen zu schaffen, worin Schüler*innen sich affektiv und seelisch mit dem Unterrichtstoff verbinden dürfen.

Zur Vorbereitung für eine Klassenlehrer*in-Tätigkeit, gehört auch die Einführung in musikalische Grundfähigkeiten. Den Anfang macht eine Flötenbauwerkstatt, wo jeder Studierende eine pentatonische Bambusflöte baut und in Anschluss an regelmäßigen Rhythmik-, Gesangs- und auch musiktheoretischen Kursen teilnimmt.  Regelmäßiges Üben ist das A und O der Ausbildung. Jede/r Klassenlehrer*in sollte souverän Blockflöten, Bambusflöten und/ oder Choroi-Flöten in der musikalischen Arbeit mit den Kindern einsetzen können und während der Ausbildung damit beginnen ein begleitendes Instrument zu lernen. Jede/r angehende Lehrer*in muss ein Liederrepertoire, pentatonisch sowohl als diatonisch, entwickeln, üben und mit Kommilliton*Innen einstudieren und leiten können. Zusätzlich wird ein individuelles Repertoire an Sprüchen, Gedichten, Spielen und Aktivitäten entwickelt und geübt, welches die Lehrer*innen souverän in der schulpraktischen Ausbildung zum Einsatz bringen sollten.

Studierende werden darauf vorbereitet allgemeine pädagogische Könner zu werden, aber spezialisieren sich auch in der Ausbildung in einem Nebenfach z.B. Englisch, Russisch, Spanisch, Französisch, Deutsch als Zweitsprache, Musik, Handarbeit, Werken, Gartenbau oder Sport. Das steht im starken Kontrast zu dem gesellschaftlichen Spezialisierungswahn der Gegenwart. Auf Englisch gibt es einen Spruch, dessen Bedeutung dem Allgemein-Können der Klassenlehrer*innen nicht gerecht wird: „A Jack/ Jill of all trades and a master of none.“ Wir möchten das so umformulieren das die pädagogische Qualität, die wir anstreben, wie folgt ausgedrückt wird: Wir bilden Menschen aus, die letztendlich sagen können: „I am a Jack/ Jill of all trades and a master of one.“

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