Was tut der Wind, wenn er nicht weht? Jahresrückblick 2025

Stabilisierung mit begeisternden Angeboten und sinnvollen, nachhaltig wirksamen Neuerungen!
Unsere Teilnehmendenzahl hat sich stabilisiert und liegt bei 80, Tendenz steigend. Genau diese Zahl war vor acht Jahren der Ausgangspunkt für einen stetigen Anstieg, bis wir vor fünf Jahren 120 Teilnehmende aufnehmen konnten – dann kam die Pandemie und eine Reihe von multiplen Krisen, die die Menschen unsicher werden ließen. Es gab weiterhin Interesse, aber nicht mehr den Mut, sich auf einen Weg zu machen, der ebenfalls Unsicherheiten mit sich bringt. Denn wer weiß zu Beginn eines Studiums schon, ob die eigenen pädagogischen Fähigkeiten ausreichen werden, ob die waldorfpädagogischen Ansätze und Anforderungen wirklich in das eigene Leben passen, ob eine „Verbindung“ zur Anthroposophie wirklich erduldbar ist… Und abgesehen von diesen individuellen Unsicherheitsgefühlen wissen wir alle, wie einem die permanente mediale Verhandlung der Waldorfpädagogik zusetzen kann.

Gleichzeitig zu diesen schon erschwerenden Bedingungen haben sich gesellschaftliche Tendenzen und politische Sachverhalte eingestellt, die ebenfalls uns zur Erschwernis gereichen: Das Ansehen des Lehrberufes ist sehr gesunken, die pädagogischen Studiengänge suchen fast verzweifelt Erstsemester; Quereinstiegsmöglichkeiten in großer Zahl bieten Möglichkeiten schnell und zukunftssicher eine Lehrer:innenlaufbahn zu beginnen und Berlin und manch anderes Bundesland locken – wieder – mit der Verbeamtung.
Es kommen die geburtenschwächeren Jahrgänge, so dass die Klassen nicht mehr voll werden – nichts ist mehr selbstverständlich. Schule muss attraktiv werden, interessant für Eltern, zeitgemäß Entwicklung fördernd für die Kinder, sinnstiftend für die jungen Erwachsenen und einen Arbeitsplatz bietend, der es Lehrer:innen möglich macht, eine Pädagogik für das 21. Jahrhundert zu verwirklichen.
Auch unser gemeinsamer Konsens, was Lehrer:innenbildung leisten und bieten muss und sollte, ist nicht mehr gegeben – zu oft wird nur noch danach geschaut, dass es schnell geht. Weder die „Räte“ noch die „Seminarekonferenz“ noch der „Bundesvorstand“ finden hier zu einem klaren Bild, denn es individualisiert sich überall.
Wenn sich nun aber jemand mit Rhythmen auskennt, dann doch wohl wir Waldorfpädagog:innen. Umso unverständlicher ist es, dass wir diese Kenntnisse nicht für die Prozessgestaltungen und organischen Entwicklungsformen in unseren Einrichtungen und unserer ganzen Waldorf-Bewegung zur Geltung bringen, sondern immer wieder versuchen zu beschleunigen. Wir kommen jetzt erst ins dritte Jahr nach der Pandemie und erwarten schon, dass das allgemeine Trauma überwunden ist und die Zahlen wieder „normal“ werden. Das kann nicht funktionieren.
Was wir aus Berlin signalisieren können ist: Die Anzahl der interessierten Menschen an einen Waldorflehrberuf ist massiv gestiegen – auch wenn noch nicht alle sofort eine Weiterbildung oder ein Studium beginnen. Aber hier gibt es eindeutig einen positiven Trend, außerdem haben wir den Tiefpunkt der Teilnehmendenzahlen wohl erreicht und stabilisieren jetzt dieses Niveau als Basis zur Trendumkehr – das geht alles nicht schnell, wir dürfen aber das Prozessvertrauen und die Geduld nicht verlieren. Entwicklung und Transformation braucht gehörig Zeit.
Wenn wir sagen, wir haben diese Zeit nicht, dann ist das eine andere Diskussion, dann müssen wir wirklich über Qualitäten sprechen. Wir haben hier unsere Studiengänge so umgestellt, dass sinnvolle Effekte eintreten, in Bezug darauf, wie sich die kleineren Studiengruppen effektiver zusammen erreichen lassen.
Das Wichtigste aber in dieser Zeit: Um konkrete reale Erlebnisse erfahrbar zu machen und die Verbindung zu unserer Mitwelt zu spüren und dies als Grundlage zu eigener Urteils- und Begriffsbildung zu stärken, geben wir allen Formen des phänomenologischen Weltzugangs und des künstlerischen Ausdrucks mehr Raum.
Das braucht Zeit, führt aber zu den Elementarerlebnissen, die es braucht für die professionelle Identitätsbildung und die Entwicklung der individualisierten waldorfpädagogischen Methodik der Weltbegegnung.
Ein solcher Bildungsweg braucht Freiraum, braucht Entwicklungsraum, braucht Krise und Neuentdeckung – darauf wollen wir derzeit nicht verzichten.
Die Studierenden danken uns dies, denn diese Form der Entschleunigung und „Neufindung“ ist für manche Biographie wie eine Neuschöpfung.
