Weihnachtsbrief 2025

Liebe Freundinnen und Freunde,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
es dezembert, der Zweite ist heute, das Jahr 2025 will sich zum Abschluss runden. Allenthalben schaut man zurück auf ein eigenartiges Jahr, das in so vielen Bereichen als Zäsur erscheint – nichts ist mehr wie zuvor, Verabredungen gelten nichts mehr, Verbindlichkeit ist Schwäche und Mitmenschlichkeit droht ein Makel zu werden – und doch leben wir in der Erwartung was da kommen mag –
Es ist genug gesagt, gemeint, gestammelt und behauptet in dieser Zeit. Über alle Kanäle flimmern live die neuesten Nachrichten über Vorkommnisse, die gegen jede Menschlichkeit toben und uns vehement fordern, aus der Flut das Wesentliche zu erfassen, einzuschätzen und einzuordnen. Es ist eine fordernde Zeit, verletzend geradezu.
Dieses Zeitgetriebe können wir doch nur verändern, wenn wir uns begegnen, uns im gemeinsamen Tun treffen, authentische Erfahrungen sammeln und alles Mögliche veranstalten, um vom mechanistischen zu einem lebendigen Denken zu kommen, zu einem Fühlen, das sich an die Menschen und die Mitwelt anschließt und wir mit Hinwendung unsere Umgebung gestalten. Und da beginnt die eigentliche Lehrer:innenbildung – sich mit dem Gewordenen und dem Werdenden verbinden, sich den Phänomenen öffnen und in begeisterter Weise das Erlebte in Unterrichtsinhalt verwandeln.
In jeder Konferenz blicken wir Kolleg:innen dankbar darauf, diese Schritte hier im Seminar begleiten zu dürfen, die leuchtenden Augen der Teilnehmenden, das Staunen und Befragen zu erleben und erkennen zu können: „wie gut für die Kinder, dass hier authentische Erfahrungen gemacht werden, die dann für die Kinder ebenso bereitet werden können.“ Dies sind die Augenblicke der Verbundenheit, der Hinwendung und Zuneigung – es sind Momente der Liebe. Und nichts ist in dieser Zeit wohl wichtiger, als liebefähig zu bleiben. Wir werden nachdenklich, wenn wir beobachten müssen, dass die Waldorflehrer:innenbildung mehr und mehr ausgehöhlt wird. Dass maßgeblich für gute Ausbildung die Geschwindigkeit zur Genehmigung angesehen wird und nicht mehr qualitative Prozesse, substantielle inhaltliche Vertiefung und ein Angebot an Freiraum zur Verinnerlichung und Erweiterung des eigenen persönlichen Spektrums. Es kann in der Praxis viel gemacht werden, auch wenn täglich eigenverantwortlich unterrichtet werden muss, ohne Zweifel, aber Bildung braucht Krise, braucht Freiraum, braucht Vielfalt, braucht Horizont.
Diese reale Gefahr der Verwässerung unserer pädagogischen Gesichtspunkte gehört in die Aufzählung der bedrängenden Momente des Alltags.
Nun können wir aber auch auf das Gezeter verzichten. Schauen wir besser auf die oben beschriebenen guten Momente, die unseren pädagogischen Alltag würzen. Dass dadurch Wirksamkeit erreicht wird, das durften wir vielleicht schon hin und wieder bemerken – Rudolf Steiner drückt es in folgendem Bild aus, das doch zum Ausdruck bringt, dass Liebe eine wunderliche Substanz ist, auf deren Kraft wir bauen können, wenn wir lieben.
„Was Liebe ist, ist etwas so Kompliziertes, dass kein Mensch den Hochmut besitzen sollte, Liebe ihrem Wesen nach ohne weiteres zu durchschauen. Liebe ist kompliziert. Wir nehmen sie wahr, aber keine Definition kann die Liebe ausdrücken. Aber ein Sinnbild, ein einfaches Sinnbild, ein Glas Wasser, das, indem es ausgegossen wird, voller wird, das gibt uns eine Eigenschaft des Liebeswirkens wieder.“
Rudolf Steiner GA 110 – 18.04.1909
Wir wünschen Ihnen und euch allen eine gesegnete Weihnachtszeit, Ruhe und Halt in der Zeit zwischen den Jahren und einen mutigen Start in ein helles 2026!
Herzlich für das Seminar
Iris Didwiszus und Christoph Doll

