Wir suchen: Geschäftsführer:in mit Gestaltungskraft

Wir suchen eine neue Geschäftsführer:in ab 01.08.2024

Seit mehr als 30 Jahren bildet das Seminar für Waldorfpädagogik als gemeinnütziger Träger Lehrerinnen und Lehrer für Waldorfschulen aus.
Wir vermitteln die Ideen der Waldorfpädagogik zeitgemäß und modern und tragen dazu bei, dass die Kinder an den Waldorfschulen von qualifizierten Pädagog:innen unterrichtet werden.
Unsere Vision ist es, dass Kinder an Waldorfschulen eine freie, vielfältige und weltoffene Bildung erfahren und dadurch den künftigen Anforderungen mit Optimismus und Kraft begegnen können. Für die Organisation und Verwaltung dieser Lehrer:innenbildungsstätte suchen wir zum nächstmöglichen Zeitpunkt eine:n

Geschäftsführer:in.

Aufgaben

Was wir suchen

  • Finanzen: Erstellung des Haushaltsplans, Controlling, Jahresabschluss, Buchhaltung, Berichterstattung an Vorstand und Mitgliederversammlung, Abwicklung des Zahlungsverkehrs
  • Kooperation/Verhandlung mit unseren Zuschussgebern
  • Durchführung des Zertifizierungsverfahrens nach AZAV in Zusammenarbeit mit unserer Qualitätsbeauftragten
  • Personalverwaltung
  • enge Zusammenarbeit mit der Leitung des Seminars
  • Leitung der Verwaltung
  • Betreuung unserer Teilnehmer:innen, Vertragsgestaltung und -umsetzung, Beratung in finanziellen Fragen
  • Vertretung des Seminars im Geschäftsführungsbereich in der Landesarbeitsgemeinschaft der Waldorfschulen Berlin-Brandenburg und im Bund der Freien Waldorfschulen
  • Weiterentwicklung unseres Neubauprojekts
  • Organisation aller verwaltungsrelevanten Aufgabenbereiche zur Sicherstellung der Kernaufgaben des Seminars

Anforderungen

Was Sie mitbringen

  • Sie haben relevante berufliche Erfahrung in den Bereichen Leitung Finanzen, Verwaltung und Personal, insbesondere im gemeinnützigen Bereich, mindestens 3 Jahre
  • Sie bringen ausgeprägte organisatorische Fähigkeiten mit, handeln vorausschauend und behalten alle Abläufe und Prozesse im Blick
  • Sie haben eine ausgepräfte soziale Kompetenz und sind sicher in der Kommunikation mit allen Beteiligten
  • Sie arbeiten selbständig und eigenverantwortlich und haben gleichzeitig das Bewusstsein für die Notwendigkeit von Austausch und Absprachen
  • sehr gute Kenntnisse in den office-Programmen
  • Bereitschaft, sich in unsere Verwaltungs- und Lernmanagement-Software einzuarbeiten
  • Sie sehen die Notwendigkeit eines freien Bildungswesens und engagieren sich für die Waldorfpädagogik und deren anthroposophische Grundlagen

Benefits

  • Ein ausgesprochen freundliches und wertschätzendes Kollegium
  • Entwicklungs- und Gestaltungsmöglichkeiten in einem sinnstiftenden, gesellschaftlich relevanten Projekt
  • Vereinbarkeit von Beruf und Familie
  • Arbeitsort in der Mitte Berlins
  • soziale Zusatzleistungen: Beihilfekasse, Zuzahlung zum Deutschlandticket, zusätzliche Altersversorgung
  • Schutzkonzept

Bewerbungsprozess

Wir freuen uns über Ihre Bewerbungsunterlagen unter Angabe des frühestmöglichen Eintrittstermins.
Bitte schicken Sie die Unterlagen in einer gesammelten pdf-Datei an:
Christoph Doll – Seminarleitung und Vorstand
christoph.doll@waldorfseminar.berlin

 

Stellenausschreibung bei GoodJobs:
https://goodjobs.eu/jobs/geschaftsfuhrerin-mit-gestaltungskraft-seminar-fur-waldorfpadagogik-berlin-e-v#aufgaben

Jahresrückblick 2024

Blitzlicht aus Berlin, im Frühsommer 2024

Es ist eine angestrengte Spannung in Berlin. Eben ging die Europawahl zu Ende und die Prognosen sagen uns nichts voraus, was einen guten Politikstil in Brüssel für die Zukunft verspricht; Macron hat schon Neuwahlen angekündigt und selbst Berlin ist politisch zerteilt, eigentümlich dreigeteilt, anders als manche:r vermutlich dachte und irgendwie dramatischer, als ich es mir vorstellen wollte…

…dass Axel Burkart im Rudolf Steiner Haus, eingeladen vom Initiativkreis der Anthroposophischen Gesellschaft Berlin, eine fulminante Plattform geboten wird, ist auch in diesem Zusammenhang nicht egal – auch wenn das kein Großereignis für Berlin ist. Aber es ist eine wirksame Veranstaltung, und sie sendet Aussagen, die Anknüpfungspunkte bieten für allerlei Denken und Meinen nahe dem der „Neu-Rechten“- Gesellschaftsströmung oder auch für Liebhaber:innen mystischer Esoterik und Verschwörungserzählungen.

Die Menschen, die sich für Waldorfpädagogik interessieren, die sich irgendwie angesprochen fühlen, von dem was wir tun, sind dadurch und deshalb zurecht überaus irritiert und abgeschreckt.

Wie ungeschickt, wie töricht stellen wir uns an! Warum formulieren wir nicht wenigstens kontextualisierende Fragen, machen klare Kante und Distanz deutlich, wenn man schon meint, man müsste mit Menschen solcher Gesinnung ins Gespräch kommen. Nein, es bleibt bei einer verbrämt billigen: „das muss man doch sagen dürfen“- Haltung, scheinbar um einer zweifelhaften Schwurbelfreiheit Vorschub zu leisten.

Der Sommer lässt sich schwierig an; zwischen zu viel Wasser und zu viel Trockenheit schwanken die Warnungen des Wetterdienstes, ich schwanke mit und werde doch nicht müde daran zu glauben, dass wir als Waldorfbewegte, dieser Erde noch etwas Gutes geben können, dass wir den Generationen Alpha, Beta und …bis Omega einen lebendigen, fruchtbaren und auch zarten Zugang zur uns umgebenden Mitwelt aufzeigen können, dass wir noch Anschluss finden an die elementaren, bildenden Kräfte dieser Gesellschaft in diesem Weltzusammenhang.

Gute 160 Beratungen haben wir mit Interessierten für das kommende Studienjahr geführt, das ist ganz ordentlich – ein Viertel davon mag in die Kurse kommen.

Dramatisch allerdings ist, dass kaum in der Ausbildung, die Studierenden schon wieder weggeholt werden, von den Schulen selbst! Die Neueinsteiger:innen müssen sofort eigenverantwortlich unterrichten – es gibt derzeit nun wirklich viel zu wenig Lehrer:innen.

Das ist für sich genommen schon ein echtes Problem, wenn Ausbildung und Einarbeitung zeitgleich sich vollziehen sollen. Da sei jetzt noch nicht einmal auf die viel bemühten prägenden Ausbildungsqualitäten geschaut, die drohen verloren zu gehen, sondern auf geklärte Haltungen, die es braucht, um als Lehrerin oder Lehrer mit den Schülerinnen und Schülern die Entdeckung der Welt zu unternehmen, um den jungen Erwachsenen auch Orientierung für den Augenblick zu geben, damit sie befähigt werden, ihre inneren Impulse in wacher Klarheit wahrzunehmen und sich nicht auf populistische Rattenfänger:innen oder verschwörende Erklärbär:innen einzulassen, und auch nicht den Signalen versuchendem Trompetenspiel zu folgen (“Wenn die Fahnen wehen, rutscht der Verstand in die Trompete.” Herta Müller zugeschrieben).

Dazu braucht es den Freiraum der Klärung, in jedem Alter übrigens – den bieten die Ausbildungsstätten, wenn man sie lässt.

„Druckbetankung“ und Survivalpädagogik sollten niemals unser Maßstab sein – wir verlieren sonst wohl ganz die Tiefe und Orientierung. Hier am Berliner Seminar ringen wir darum, diese Möglichkeiten von Ausbildung zu sichern. Gemeinsam arbeiten wir mit unseren Kooperationspartnern aus Stuttgart, Hamburg und Kiel daran, Freiräume zu erhalten, um nicht durch die akademischen Korsagen und Festlegungen zu sehr eingeengt zu werden – im kommenden Jahr dann, mit neuen Kolleg:innen, die im Kunstbereich richtig durchstarten! Und hoffentlich auch wieder mit einigen Student:innen mehr, als in den letzten beiden Jahren.

Gleichwohl machen wir uns natürlich auch darüber Gedanken, wie sich gemeinsam die Lehrer:innennot an den Schulen lindern lässt und entwickeln einige Konzepte, die flexibler und individueller gestaltbar sind – auch wenn es zuweilen schmerzt, wenn weitere Ausbildungsmodule verkürzt werden oder ersatzlos wegfallen.

Als Kooperation sollten wir noch kräftiger sichtbar werden und wirksame Ausstrahlung entfalten, als kleine, im Alltag ein bisschen schimmernde vielfarbige Einrichtungen, die dem drohenden grau-braun etwas entgegenstellen.

In Berlin soll diesem Auftrag auch dadurch Rechnung getragen werden, dass wir Waldorf ins Zentrum stellen und unser Bauvorhaben weiter vorantreiben – mitten in Berlin, mitten in der Gesellschaft – inmitten der brandenden Öffentlichkeit, für alle erlebbar.

Christoph Doll

Eltern sein, Lehrer:in werden!

Seit dem letzten Jahr versucht das Seminar für Waldorfpädagogik verstärkt darauf aufmerksam zu machen, welche Möglichkeiten es gibt, um Waldorflehrer:in zu werden. Und dabei haben wir vor allem diejenigen Menschen im Blick, die sich in irgendeiner Weise schon unserer Pädagogik angenähert haben: Unter dem Motto „Eltern sein – Lehrer:in werden!“ versuchen wir Menschen anzuregen, kurz über einen Berufswechsel nachzudenken – ganz viele Menschen wissen gar nicht, dass auch ihnen der Weg zur Pädagog:in offen steht.

Gerne haben wir uns an Elternversammlungen, in Konferenzen, auf Festen und Basaren gezeigt und beraten.

Nun stehen der nächste Informationsabend an: Am 10.01.2024 um 19.00 Uhr im Seminargebäude in der Weinmeisterstraße 16.

Sie sind alle herzlich willkommen!

Kunst und Kanu mit der Waldorfschule Tokyo/Japan

Kunst und Kanu Seminar für Waldorfpädagogik Berlin

KKKK 2023

Seit 2007 besuche ich regelmäßig die Waldorfschule in Tokyo/Japan und unterrichte dort Biologie in der Oberstufe, helfe beim Aufbau des Lehrerseminars in Japan und gebe viele Kurse für Eltern und Kolleg:innen aus ganz Japan.

Im Sommer kam nun das Kollegium zu uns ans Lehrerseminar in Berlin! Sie haben mit Hubert Schmidleitner und Uwe Schulz gemalt und plastiziert und einige Museen besucht. Einen ganzen Tag sind sie mit Hubert Schmidleitner zu mir in den Garten gekommen. Natürlich haben sie dort auch gezeichnet, doch wir haben auch bei einer Führung durch den Garten über die nötigen klimatischen Anpassungen und permakulturelle Elemente gesprochen. Es war ein wertvoller Austausch. Abends wurden dann gemeinsam Onigiris (japanische Reisbällchen) für den anschließenden Tag hergestellt. Denn am Folgetag trafen wir uns alle an der Mecklenburgischen Kleinseenplatte zum Kanufahren. In Japan existieren keine großen Seenketten, es gibt das allgegenwärtige Meer und unzählige Flüsse aus den Bergen. So war es sicher ein besonderes Erlebnis in dieser unglaublich schönen Natur einen Tag auf dem Wasser zu verbringen. Es war ein sehr erfüllter Tag!

Iris Didwiszus

Mit Improtheater unterrichten von Khalila Grundl

Team Building

Ein Praktikum an der Gaia Waldorfschule in Kapstadt, Südafrika

Studierende der Waldorfpädagogik müssen im Lauf ihrer Ausbildung insgesamt 24 Wochen Praktika machen. Die Studentin Khalila Grundl vom Waldorfseminar Berlin hat sich für eines davon die Gaia-Waldorfschule in Südafrika ausgesucht, wo sie einen Monat lang innovative Unterrichtsformen kennengelernt hat und Impulse für ihre geplante Masterarbeit über den Anteil muslimischer Familien in Waldorfschulen mitnehmen konnte.

Der Artikel erschien in der April Ausgabe der Zeitschrift Erziehungskunst.
Wir veröffentlichen hier den vollständigen, ungekürzten Bericht.

Die Idee, nach einer Waldorfschule in Kapstadt zu suchen, die mich eventuell für ein vierwöchiges Praktikum aufnehmen würde, ergab sich aus der Überschneidung des vom Lehrerseminar vorgesehenen Praktikumszeitraumes mit einem jährlichen Treffen dort, an dem ich seit vielen Jahren nach Möglichkeit teilnehme. Von den acht Waldorfschulen in Kapstadt und Umgebung kontaktierte ich drei und bekam recht bald positive Rückmeldung von der Gaia Waldorfschule im Vorort Pinelands: ich sei herzlich willkommen in einer fünften Klasse dort, die sich schon lange eine Praktikantin wünscht. Das Lehrerseminar ermutigte mich in meinem Vorhaben, weitere Details besprach mein Mentor mit mir und der Klassenlehrerin in Kapstadt über zoom. Somit fühlte ich mich bereit, Anfang Oktober in den dortigen Frühling zu reisen.
Nach zehn unsäglichen Stunden, die ich seit Istanbul zwischen zwei umfangreichen Herren in der Mitte des Flugzeuges verbracht hatte, sagte ich mir, dies sei mein letzter Langstreckenflug gewesen. Sobald ich aber die Landetreppe hinunterstieg und mich einmal mehr von der Luft und den Farben umgeben fand, die mir jedes Mal auf unbestimmte Weise das Gefühl geben, wie aus einem Film hinüber in die Realität getreten zu sein, war mir wieder klar, weshalb ich geflogen war. Meine Verbundenheit mit diesem Ort kann vermutlich nahezu jede Person nachvollziehen, die selbst einmal dort war – denn Kapstadt besitzt eine besondere Art von Nahrung für das Herz, möchte ich sagen. Das unmittelbare Nebeneinander der sprudelnden Großstadt und der Gebirge, die hunderte von Jahrmillionen alt sind, deutet in jedem Moment hin auf das Verhältnis des eigenen Alltags zu dem, was davor war und danach kommt. Gesäumt vom Atlantik, dessen Glitzern das Auge unbedingt zum Stillhalten verführt, verspürt man in Kapstadt eine gewisse, wilde Geborgenheit. Und sowohl die Betrachtung seiner Geschichte als auch die lokalen Begegnungen in der Gegenwart verlangen eine Wendigkeit der eigenen Sichtweise, die, wenn sie sich ermöglicht, ungemein belebt und bereichert.

Die Gaia-Waldorfschule befindet sich ca. zehn Kilometer vom Stadtzentrum entfernt in einem Eco-Village namens “Oude Molen” (“Alte Mühle”). Diese dynamische, vielfältige Siedlung war einstmals eine verlassene Krankenhausanlage und besteht heute aus ganzheitlich und umweltbewusst ausgerichteten Kleinstunternehmen, Nichtregierungsorganisationen und dienstleistungsorientierten Sozialunternehmen. Für die umliegenden Gemeinschaften stellt sie eine Quelle an Arbeitsplätzen, Nahrungsmitteln und Bildungsmöglichkeiten dar. Hocherfreut entdeckte ich dort nur zwei Gehminuten von der Schule entfernt auch einen Regio-Laden, der (vegane) Schokoladen-Kreationen und Kaffee von exquisiter Qualität führt. Diese kann man im Garten des Ladens auf Hollywoodschaukeln und Hängestühlen genießen, in Gesellschaft von umher stolzierenden Hühnerfamilien und Pfauen – ein wunderbarer Pausenort für das Kollegium.Seit dem Jahr 2000 ist die Schule untergebracht im denkmalgeschützten Anbau eines ehemaligen Gehöfts aus dem 17.Jahrhundert, welches entsprechend restaurierungsbedürftig war. Die Spielflächen und Klassenräume entstanden dort, wie so oft im Waldorfkontext, aus dem Pioniergeist und vollen Einsatz von Eltern und Kollegium.

Ursprünge

Mit den neunziger Jahren war das Vertrauen der Eltern in das staatliche Schulsystem Südafrikas angesichts der offenkundigen Bildungskrise immer mehr geschwunden, und ein verstärktes Interesse an alternativen Bildungseinrichtungen hatte sich entwickelt. Eltern fanden, Schule sollte kreativer und stärker orientiert an der kindlichen Entwicklung sein; ein Ort, an dem Kinder Lernen als etwas Freudvolles erleben und die Klassen kleiner sind. Aus diesem dringenden Anliegen heraus entstand 1993 das „Centre for Creative Education“, mit dem Ziel, Kinder, die unter erschwerten Bedingungen und in wirtschaftlich und sozial benachteiligten Gemeinschaften aufwachsen, in ihrem Heilungsprozess zu unterstützen, zu fördern und zu befähigen.
Auch die Gaia Waldorfschule hat in dieser Institution ihren Ursprung: der Gründungsimpuls 1998 bestand vor allem darin, die Waldorfpädagogik nicht nur den privilegierten, sondern allen Kindern zugänglich zu machen, unabhängig von ihrem sozio-ökonomischen Hintergrund. So zeichnet sich die Schülerschaft der Gaia Waldorfschule durch merklich größere Diversität aus, und wurde bei einer Lehrerkonferenz 2019 als vielfältigste Waldorfschule Südafrikas gefeiert.

Jeder Montag beginnt mit einer Versammlung aller Klassen (derzeit insgesamt 142 Kinder) und einem anschließenden Spaziergang in der unmittelbaren Umgebung, wo es einiges an Flora und Fauna zu entdecken gibt. Auch eine Pferdeherde befindet sich in direkter Nachbarschaft der Schule und trägt bisweilen durch ihre ungestümen Elemente zur allgemeinen Unterhaltung bei. Der Stundenplan beinhaltet nach dem Epochenunterricht Fächer wie Trommeln und Lebenskunde, und an Sprachen werden neben Afrikaans auch isiZulu und isiXosha unterrichtet. Einmal fand während meiner Praktikumszeit ein „language sharing day“ statt, zu dem sich die fünften Klassen aller Waldorfschulen in und um Kapstadt auf dem großzügig angelegten Gelände der Constantia Waldorfschool, der ersten Waldorfschule Afrikas, versammelten. Dort konnten sich die Klassen zunächst im Rahmen einiger Gruppenspiele im Freien miteinander bekannt machen, um anschließend Einblicke in ihren jeweiligen Sprachenunterricht in Form von Darbietungen auf der Bühne mit allen zu teilen.

Mit performativen Methoden im Allgemeinen war „meine“ fünfte Klasse auch außerhalb des Sprachenunterrichtes bereits vertraut, da die Klassenlehrerin ein Fan des Improvisationstheaters ist und schon früh damit begonnen hat, vorangegangene Unterrichtsinhalte in Form von Mini-Darbietungen „abzufragen“. Hierzu teilen sich die Kinder in Kleingruppen auf und schmieden innerhalb von fünf bis zehn Minuten eine kurze Szene aus den Inhalten, an die sie sich erinnern, meist mit erstaunlichem Ergebnis. Eine weitere Art, den Stoff vom Vortag oder auch der gesamten Epoche in Erinnerung zu rufen, erlebte ich als besonders eindrucksvoll: alle bekommen die „Hausaufgabe“, sich für den nächsten Tag eine Frage zum Epochenthema zu überlegen, die noch offen geblieben ist oder die jemand, der nicht mit im Unterricht war, möglicherweise stellen würde. Wer dann am nächsten Morgen seine Frage stellt, ruft unter den sich meldenden jemanden auf – die Lehrerin involviert sich nicht. Das so entstehende Gespräch innerhalb der Klasse nahm in unserem Fall („Wozu haben wir Matheunterricht?“) eine bemerkenswerte Tiefe an, so dass die Lehrerin dabei Notizen machte, die dem abschließenden Epochenheft-Eintrag als Grundlage dienten.

 

Afrika-Epoche: die Königreiche Westafrikas

Nachdem ich die Klasse eine Woche lang beobachtend begleitet hatte, war ich nun an der Reihe, erstmals eine Epoche selbst zu unterrichten. Auf dem Plan stand „Ancient African History“, und so hatte ich als Beispiel die Geschichte der Königreiche Westafrikas, Ghana – Mali – Songhay recherchiert. Die geographische Entwicklung, der Transsaharahandel mit Gold, Salz und Büchern, die Gelehrtenstadt Timbuktu mit ihren Lehmbauten, ihr Förderer Mansa Musa, und das „singende Geschichts-Gedächtnis“ in Form der Griots bzw. Djeli, wurden die zentralen Themen. Für den Einstieg hatte sich das wunderschöne Gedicht „The Lure of the Desert Land“, von Madge Morris Wagner gefunden.

Klassenfahrt

Zum Ende meines Praktikums fand für diese fünfte Klasse eine Klassenfahrt statt, coronabedingt ihre allererste. Wir fuhren für drei Tage in die Tagungs-/Begegnungsstätte „High Africa“ im ca.120km entfernten Worcester, wo die Klasse ein fabelhaftes Programm an erlebnispädagogischen Aktivitäten erwartete. Bereits die Hinfahrt im Minibus war ein vergnügliches Erlebnis, umgeben von spektakulären Gebirgslandschaften, die die Kinder zum Staunen brachten. Bei der Fahrt durch einen der Vororte Kapstadts allerdings tauschte die Klassenlehrerin vielsagende Blicke mit mir, als wir am Pausenhof einer staatlichen Schule vorbeifuhren, wo sich uniformierte Kinder gegen einen meterhohen Drahtzaun drückten, und unsere Fünftklässler ehrlich bestürzt riefen: „Ein Gefängnis! Da ist ja ein Gefängnis mit Kindern!“

Abkühlung im Breede-River

Team Building

Frühlingsbasar und Abreise

Am Tag meiner Abreise im November fand der Frühlingsbasar der Gaia Waldorfschule statt, unter dem diesjährigen Motto „proudly South African“. Und so malte ich beim Kinderschminken neben Einhörnern und Flamingos viele Male die Südafrikanische Flagge als meist gewünschtes Motiv auf die Wangen sämtlicher Kinder. Jede Mittelstufenklasse zeigte eine Darbietung, die Fünfte hatte einige Stücke auf der Djembe eingeübt. Abschließend ergab sich hier noch eine Gelegenheit für mich, mit einigen der Eltern ins Gespräch zu kommen und interessante Impulse für meine anstehende Masterarbeit mitzunehmen. Denn fast die Hälfte der von mir besuchten Klasse besteht aus Muslimischen Schüler/-innen, was die Zusammensetzung der regionalen Gesamtbevölkerung weitaus besser repräsentiert, als dies an Waldorfschulen im deutschsprachigen Raum bislang der Fall ist. In meiner anstehenden Masterarbeit möchte ich auf mögliche Gründe für letzteres eingehen und auch Aspekte der bemerkenswerten Passung herausarbeiten, die sich zwischen waldorfpädagogischem Ansatz und islamischer Lebenspraxis vielfach abzeichnet und unter anderem von den muslimischen Eltern der Gaia Waldorfschule entsprechend geschätzt wird.
Für meine erste, umfassendere Unterrichtserfahrung hatte ich hier das optimale Setting erwischt: die Klassenstärke von sechzehn Kindern empfand ich als genau richtig, zumal mindestens sechs davon besonderen Förderbedarf hatten. Meiner anfänglichen Nervosität und Sorge darüber, was ich alles verkehrt machen würde, wirkte die wohlwollende, entspannt-respektvolle Art des Umgangs miteinander entgegen, wie sie hier gewissermaßen als Kulturgut gepflegt wird.

 

Nach einem zutiefst erfüllenden, bereichernden und sehr beglückenden Monat, in dem ich soviel Pawpaw und Avocado

wie möglich gefrühstückt und so viele Muscheln wie möglich am Meer gesammelt hatte, fasste ich mir ein Herz und machte mich bereit für den Abschied – von Kapstadt, von der Natur und von den Menschen dort – und auch von der Klasse und dem Kollegium. Wir hatten uns ja gerade erst eingespielt, und die Dynamik war vielversprechend gewesen… das ist sie

allerdings auch am Lehrerseminar in Berlin! Die Vorfreude darauf und der ausklingende Rausch des Frühlingsbasars begleiteten mich auf die Rückreise.

https://www.gaiawaldorf.co.za

https://centreforcreativeeducation.org.za

https://highafrica.com

Wettbewerb: Dein bester Postkarten Spruch!

Seminar feierte 33. Geburtstag / Vortrag von Herman Seiberth

33. Geburtstag Seminar für Waldorfpädagogik Berlin

Feier – Kolloquium unseres Seminars am Dreikönigstag 2023

Unbefangenheit – „Für-möglich-Halten“

Das Zukunftsbild hinter den Symptomen identifizieren.

Unter diesem Motto versammelten sich Wegbegleiter:innen der Gründungszeit, Freundinnen und Freunde und das Kollegium des Seminars, um, etwas verspätet, den 33. Geburtstag des Seminargründungsimpulses zu feiern.

Es war in der Wendezeit, ca. ein Jahr vor dem Fall der Mauer, als die ersten Lehrer:innenbildungskurse in Berlin begannen – eine Zeit des Aufbruchs.

Wir haben also den Zeitraum einer Generation ins Auge gefasst, haben versucht zu erkennen, wie sich der Impuls manifestiert und verwandelt hat und welche Wandlungen für die nächste Generation aus dem Zukunftsstrom anklingen. Es war gleichermaßen eindrücklich und berührend nochmals die wegweisenden Gründungsmomente geschildert zu bekommen, den Wandel zu erkennen und mit dem erahnten Zukünftigen zu verbinden – Akzente und Blicklenkungen für die Gegenwart konnten so entwickelt werden, die in unseren alltäglichen Ausbildungs- und Studienalltag einfließen werden.

Es waren intensive drei Stunden, die im Flug vergingen – ein wenig herausgehoben aus Zeit und Raum. Am gut ausgestatteten Buffet und bei weiteren Anekdoten fand der Abend einen geselligen, fröhlichen Abschluss.

Christoph Doll

Begegnungstag für Schulen und Studierende – Ein Rückblick

Begegnungstag 2023

Montag, 23.01.2023 15.00 Uhr – in unseren Räumen fanden sich 26 Schuldelegationen ein, die allesamt in eine Begegnung mit unseren Studierenden kommen wollten, um mögliche Vereinbarungen zu treffen. Allen Schulen war gemein, dass sie viele Stellenangebote mitbrachten und hofften, hier die eine oder den anderen Menschen zu finden, um in den kommenden Jahren sich mit dieser Schule zu verbinden.

So konnten wir die Kolleg:innen aus Magdeburg, Thale, Hildesheim, Cuxhafen,  Ostfildern, Greifswald und Chemnitz bei uns begrüßen – und es kam tatsächlich Begegnung zustande!

Nicht nur zwischen Einrichtungen und Studierenden, sondern auch zwischen den Schulen, die sich austauschen konnten, wenn gerade keine Interessenten am Tisch waren. So brummte es auf unseren zwei Stockwerken und es kam Schulleben in das Seminar, so dass ein wirkliches Begegnen möglich wurde…auf vielen Ebenen.

Dass, auch wenn es gar nicht genügend Abgänger:innen für all die vielen offenen Angebote gab, gingen doch alle fröhlich, weil irgendwie erfüllt wieder auseinander – drei Stunden, gelassen, beredt, offen und froh – bei aller Lehrer:innennot! Ein guter Moment im Alltag – Dank an alle, die da sein konnten.

Weihnachtsbrief 2022

Weinhachtsbrief 2020

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
wie sehr haben uns die Ereignisse in diesem Jahr durchgerüttelt, attackiert und belastet – Ereignisse, die selbstverständlich Gewordenes befragen und vermeintlich Erreichtes einreißen.
Ganz gleich, wo wir hinschauen – immer wieder grundsätzliche und existentielle Fragen im engeren Umfeld, in der Gesellschaft, weltweit.
Es wirkt alles wund, vieles geht nicht mehr „einfach so” von der Hand, Orientierung geht verloren, permanent werden wir nach unserer Haltung befragt – was leitet uns?
Aus diesem Alltagsgetriebe, frühmorgens, eine Fahrt durch Berlin, zur Hospitation … die Schlagzeilen der vergangenen Stunden flackern in Dauerschleife in den erwachenden Tag und ziehen nagend ins Gemüt. Die Kälte dieses Wintertages lässt den Atem frieren, es ist der 13. Dezember. Am Schuleingang leuchtet es milde in das Halbdunkel des Morgens. Beim Näherkommen klingt ein leises Singen an das Ohr. Am Tor steht, inmitten des Industrieareals eine Schülerin der sechsten Klasse und ihre Klassenlehrerin, in weißes Leintuch eingehüllt, mit Lichtkranz und Kerzen in der Hand. Sie erinnern mit ihrem zarten Gesang alle Eintretenden ar;i das Fest der Lucia.
Einfach so, erschütternd unauffällig, unprätentiös, bedeutungslos fast und doch so innig, dass es Herzen erwärmt und unerwartet Anlass gibt, innezuhalten und sich einzulassen.
Einlassen auf die wärmenden Augenblicke, die uns allenthalben begegnen können, die das Herz erreichen und uns verbinden – die nicht nach dem „Für oder Wider” fragen, sondern nach unserem Sein, dafür möge viel Anlass und Bereitschaft sein im kommenden Jahr.

,,Jenseits von richtig und falsch, dort liegt ein Ort.
Dort treffen wir uns.”
Rumi (*1207- 1273)

Mit Dank blicken wir auf die Momente unserer gemeinsamen Arbeit und wünschen eine friedvolle impulskräftige Zeit zwischen den Jahren,
für das Kollegium des Seminars für Waldorfpädagogik Berlin

Iris Didwiszus und Christoph Doll

Unbefangenheit –„Für-möglich-Halten“ von Hermann Seiberth

Essay aus der Zeitschrift “mittendrin” Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion  und Herrn Seiberth.

Phänomene und Symptome

Das Zukunftsbild hinter den Symptomen identifizieren

1988 fanden sich drei Freunde in dem gemeinsamen Impuls zusammen, ein Waldorf-Lehrerseminar zu gründen. Anlass war der Vorwurf von Verantwortlichen der Waldorfschule in Zehlendorf, die vier Jahre zuvor (gegen massiven Widerstand) gegründete Kreuzberger Waldorfschule würde der bestehenden Schule Schaden zufügen. Der Lehrernachwuchs bevorzuge die junge Kreuzberger Schule. Die älteste und bislang einzige Waldorfschule Berlins leide darunter. Die drei Freunde – ein Werbetexter, ein Archäologe und ein Gärtner –, waren keine Pädagogen, jedoch der Waldorfpädagogik als Eltern verbunden.(2) Die Gründung sollte auch solchen Menschen die Ausbildung zum Waldorflehrer ermöglichen, die aus finanziellen Gründen daran gehindert waren. Vor allem Bewerbern aus dem Ostteil der Stadt. Allen dreien war klar, dass wir vorbereitet sein mussten, wenn es dem Michaeliten Gorbatschow gelingen würde, die Aufforderung Ronald Reagans am 12. Juni 1987 “Tear down this wall!“ zu realisieren.
Außer ihrer Entschlossenheit, das für erforderlich Gehaltene realisieren zu wollen, verfügten die Initiatoren über keinerlei Voraussetzungen, die dafür notwendig schienen. Sie hatten „Nur eine Rose als Stütze“ (Hilde Domin).
Als in der Nacht vom 9. November 1989 durch ein vorausgegangenes Missverständnis im Führungszirkel der SED-Machthaber die Mauer von Ostberlinern erstürmt wurde, waren die Vorbereitungen wundersamer Weise abgeschlossen.
Interessenten aus dem ehemaligen Ostteil der Stadt und anderen Regionen konnten mit Förderung der Ausbildungskosten und des Lebensunterhaltes durch das Arbeitsamt ihr Studium unmittelbar beginnen. Möglich geworden war es durch das Zusammenwirken von zahlreichen Freunden, die gelernt hatten, Unmögliche für möglich zu halten und sich selbstlos für das gemeinsame Ziel zu engagieren.
Ohne Zuwendungen durch den Bund der Freien Waldorfschulen in Stuttgart begann das Seminar wenig später mit einem qualifizierten Stamm an fachkundigen Dozenten und begeisterten Teilnehmern in rasch vom FORUM Berufsbildung Berlin bereitgestellten Räumen in der Hedemannstrasse in Kreuzberg nahe dem Checkpoint Charlie, einem der bekanntesten Berliner Grenzübergänge durch die Berliner Mauer zwischen 1961 und 1990.
In geduldigen Gesprächen gelang es auch, die anfangs äußerst skeptischen Kollegen vom Stuttgarter Bund für die Anerkennung der Absolventen des Berliner Seminars für Waldorfpädagogik als Waldorflehrer zu gewinnen. Frei nach Johann Wolfgang: Das Unzulängliche, hier ward’s Ereignis; Das Un- beschreibliche, Hier ward‘s getan. (Faust II, 5. Akt) Was von drei – im Sinne des Vorhabens mittellosen – Nichtpädagogen ersonnen war, ist in dreiunddreißig Jahren zu einem aus der Welt nicht mehr wegzudenkenden Baustein der Waldorflehreraus- und Weiterbildung gewachsen.
Waldorfschulen sind nach wie vor im Wachsen begriffen. In Berlin hat die Gründung der Kreuzberger Waldorfschule 1985 nach siebenjähriger Vorbereitung (2+5 Jahre) die Türe aufgestoßen zur Gründung weiterer Waldorfschulen – mittlerweile versuchen 12 Waldorfschulen in Berlin die steigende Nachfrage nach Schulplätzen zu versorgen: www.berlin.de/special/jobs-und-ausbildung/adressen/waldorfschule/.
Unter dem Lehrermangel leiden mittlerweile alle Waldorfschulen. Das Seminar für Waldorfpädagogik Berlin nimmt dabei eine zentrale Rolle ein für die Ausbildung des Waldorflehrer-Nachwuchses: www.waldorfseminar.berlin.
Es war ein kleiner Samen, der in drei Jahr- zehnten Dank der engagierten, kompetenten Mitwirkenden im Seminar zu einem großen, reiche Früchte tragenden Baum heranreifte. Der Samen war in eine keimkräftige Erde gefallen, die ihn zu erwarten schien.
Vor dreiunddreißig Jahren setzten die drei Akteure ihren „Fuß in die Luft – und sie trug“ (Hilde Domin, „Nur eine Rose als Stütze“).
Ein Impuls wurde in das „geschichtliche Werden hineingelegt“, der „hinausreicht über den Tag“. (Lit.: GA 180, Vortrag vom 23.12.1917)

Blick zurück

Im Rückblick auf den damaligen Werdeprozess werden überraschende Aspekte erkennbar. Es ist ja zunächst ein winziges Detail des gesellschaftlichen Wandels. Der geschärfte Blick auf dieses Kleine, auf die mikro- und mesosoziale Dimension des gesellschaftlichen Werdens ist durch die eigene Erfahrung angereichert.( 3 ) Das Kleine, selbst Erfahrene liegt perspektivisch näher als die weltbewegenden Phänomene der umwälzenden aktuellen kulturellen, rechtlichen und wirtschaftlichen Geschehnisse der makrosozialen (und megasozialen – Glasl (4)) Dimension.
Mit der Lupe betrachtet entpuppt sich der Zeitraum von dreißig Jahren als eine Zeitgestalt von 33 1/3 Jahren, in der in die Welt gestellte Menschentaten sozial wirksam zur Reife kommen. Das Beispiel zeigt, was in einem solchen Zeitraum von einem ‚Weihnachten‘ zu einem ‚Ostern‘ in dreiunddreißigeindrittel Jahren im Sozialen sich bilden kann. ( 5 )

Phänomene erklären Vergangenes – Symptome weisen auf die Zukunft

Wenn sich Menschen austauschen darüber, welche Zeitnotwendigkeiten sie wahrnehmen und was sie dabei empfinden, ist es ein kleiner Schritt, sich zu verständigen darüber, welche Willensimpulse sich in der Folge bei jedem einstellen.
Je weniger diese Willensimpulse gestört sind von Egoismen, je mehr sie aus einer tiefen Intuition inspiriert sind, impulsieren sie Taten, die im Rückblick als Symptome eines überindividuellen Transformationsprozesses erlebt werden können, in den sie sich lebenspendend einfügen. Gleichzeitig werden sie häufig von Vertretern der etablierten Ordnung bekämpft, da sie aus einer Quelle inspiriert sind, die von aus der Zukunft kommenden Kräften tingiert ist.
Die ihnen entgegenstehenden Kräfte der etablierten Ordnung speisen sich aus mit Vergangenheitskräften verbundenen Quellen. ( 6 ) Eine gehörige Portion Mut erfordert der Umgang mit unvermeidlich auftauchenden, unüberwindbar erscheinenden Hindernissen und Handlungen Dritter, die persönliche An- griffe einschließen. Sich nicht beirren lassen, erfordert Standfestigkeit. Sie wird getragen von Selbstlosigkeit, die mit dem Impuls verbunden ist. Dass die Willensimpulse und Handlungen der Kontrahenten zwei grundsätzlich verschiedenen Zeitströmen angehören, deren antagonistische Natur die aufeinandertreffenden Willensimpulse prägen, zeigt erst die Rückbesinnung auf die durchlebten Ereignisse. ( 7 ) Blickt man auf die Figur, die Gestalt des Gründungsvorganges, wird der tastende Versuch erkennbar, Zeitphänomene als Symptome von Entwicklungen zu lesen, die in der Zukunft liegen.

1989 – 2022 = 33 Jahre Zeitgestalten erfassen

2022 jährt sich das Wendejahr 1989 zum dreiunddreißigsten Mal. Der Begriff der „Wende“ charakterisiert nicht nur den Fall der Berliner Mauer. Die Öffnung des Eisernen Vorhanges prägt 1989 als „Schlüsseljahr der europäischen Geschichte“. Nimmt man das Datum des 3. Oktober 1990, den Tag der deutschen Wiedervereinigung hinzu, lenkt der Gesichtspunkt des 33 1/3-Jahre-Rhythmus den Blick auf das Jahr 2023, bzw. Januar 2024.
Das Geschehen an der Zeitenwende vor zweitausend Jahren in Palästina bildet den Hintergrund für die Zeitgestalt des 33 1/3- Jahre-Rhythmus. Ihr liegt urbildhaft die Lebenszeit des Christus-Jesus zugrunde. Sie hat der Erde ihren Rhythmus eingeschrieben als Umlaufszeit geschichtlicher Ereignisse. Im dreißigsten Lebensjahr des Jesuslebens markiert die Jordantaufe das wenig verstandene Geschehen der Verbindung des Christus – des Gottessohnes, einem göttlich-geistigen Wesen – mit dem Leib des Jesus für drei Jahre.
Das dreißigste Jahr jeder menschlichen Biografie kann seither als Beginn der drei ‚Christusjahre‘ gesehen werden, deren Ereignisse häufig Bedeutung für das ganze folgende Leben haben. Im Sozialen erschließt die Aufmerksamkeit auf den 33-Jahre Rhythmus den Zusammenhang zeitlich weit
auseinanderliegender Ursachen und Wirkungen. Was ‚Weihnachten‘ geboren wurde, feiert im geschichtlichen Sinne nach dreiunddreißig Jahren sein ‚Ostern‘, seine ‚Auferstehung‘.
Die Umlaufzeit der 33-Jahre-Zeitgestalt wird gebildet von einem ‚Weihnachten‘ zu einem ‚Ostern‘, das (genauer) dreiunddreißigeindrittel Jahre nachher liegt – durch das Leben des Christus-Jesus in Palästina dem Lebensleib der Erde eingeprägt. (Lit.: Rudolf Steiner, GA 180, Vortrag vom 23.12.1917)

Vor dreiunddreißig Jahren

Erinnern wir die Meilensteine der kulturellen, rechtlichen und wirtschaftlichen Umwälzungen vor dreiunddreißig Jahren, die von mutigen DDR-Bürgern erkämpften, (von Martin Luther King befeuerten ( 8 )) lange unmöglich erscheinenden Veränderungen mit ihren Rechtsfolgen:

  • 31. August 1990: Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen
    Demokratischen Republik über die Herstellung der Einheit Deutschlands (Einigungsvertrag).
  • 20. September 1990: Die Volkskammer der DDR und der Deutsche Bundestag stimmen dem Vertrag zu
  • 29. September 1990: Inkrafttreten des Einigungsvertrages vom 31. August 1990 – Inkrafttreten der letzten
    Änderung am 28. Juli 2021
  • 3. Oktober 1990: Tag der Deutschen Einheit. Wirksamwerden des Beitritts der Deutschen

Demokratischen Republik zur Bundesrepublik Deutschland – im Einigungsvertrag als Nationalfeiertag zum gesetzlichen Feiertag bestimmt zur Erinnerung an die seit dem frühen 19. Jahrhundert angestrebte Wiedervereinigung Deutschlands. Die neugegründeten Länder Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sowie Berlin treten als neue Länder der Bundesrepublik Deutschland dem Geltungsbereich des Grundgesetzes bei. Welche Merkmale prägen das ‚Ostern‘ dieser weihnachtlichen Geburtsimpulse, deren Auswirkungen den politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Realitäten Europas neue Grundlagen schufen?

In was haben sich die 1989er-Impulse im Jahr 2022 verwandelt?

Welchen gesellschaftlichen Entwicklungen sehen wir uns heute gegenüber? Lassen sich gegenwärtige meso- und makrosoziale Phänomene als Reifeprozesse von Ereignissen beobachten, deren Keime dreiunddreißig Jahre zurückliegen? Welche Ereignisse mit dem Charakter einer Kulmination/Verwandlung der 1990er Ereignisse werden nach 33 Jahren die nächsten Jahre, insbesondere das Jahr 2023, bzw. Januar 2024 prägen?
Zweifellos ist das Ost-West-Verhältnis, das 1989 durch diplomatische Meisterleistungen auf dem Verhandlungswege sich auf konfliktfreie Weise in eine neue europäische Ordnung verwandelte, erneut im Mittelpunkt. Die unsäglichen Menetekel von Not, Gewalt und Angst, von Krieg und Gewalthandeln schienen durch die 2+4-Verträge in Europa gebannt und überwunden, während die weiter zunehmenden sozialen Disparitäten, kriegerischen Auseinandersetzungen und die dramatische Gefährdung der natürlichen Lebensgrundlagen weltweit Not und Elend für den überwiegenden Teil der Weltbevölkerung gravierend verschlimmern.
Krieg flammt wieder auf in der Mitte Europas – Russland überfällt die Ukraine. Ein Angriff auf das Herz Mitteleuropas, in dem die nächste Kulturepoche wurzeln soll (!). Welche Kräfte der Vergangenheit kulminieren? Was für Folgen werden in 3 x 33 1/3 = 100 Jahren daraus erwachsen? (9) Welche Geburtsimpulse sollten heute veranlagt werden, damit eine nächste Generation weltweit heilsame Entwicklungen befördern kann? Wie trage ich als individueller Mensch zur Befriedung bei? Wie kann ich mich verbinden mit anderen so, dass 2+2 nicht 4 ergibt, sondern Kräfte sich potenzieren? Wie bilden wir soziale Innenräume, in die sich Kräfte einbilden können, die uns befähigen, heilsame Welten zu bauen? Berge zu versetzen erfordert handwerkliches Geschick, moralische Intuition, moralische Phantasie und moralische Technik. Konstruktives Miteinander ist Hexenwerk. Als „Hexenwerk“ werden heute unerklärliche Vorgänge bezeichnet. Als Hexen wurden im bewusstseinsdunklen Mittelalter Frauen mit
außergewöhnlichen Fähigkeiten bezeichnet. Der Begriff ist eine Verballhornung des althochdeutschen Begriffes „haeg’sche“. Eine haeg’sche ist eine „weise Frau im Haag“. Der Haag ist der mit einem geflochtenen Weidenzaun „umfriedete“ Garten. Die indogermanische Wurzel von Weide ( 1 0 ) ist
*uei(ə)– „biegen, winden, drehen“. Mit dem Flechtwerk sind die weisheitsvoll verflochtenen Gedankeninhalte ins Bild gesetzt. Als Glyphe = Zeichen ( 11 ) ist es der Hinweis auf Weisheit, die entsteht, wenn Gedanken tief empfunden werden, wenn Kopf und Herz sich miteinander verbinden. In den Mysteriendramen Rudolf Steiners tritt eine weise Frau als „Frau Balde“ auf. Sie antwortet auf die Frage von Prof. Capesi- us, wie sie denn zu ihren Märchen komme: „Sie müssen nur ihr Herz in den Kopf hinauf- heben.“ In diesem Sinne ist die haeg‘sche die weise Frau in uns, in dir und mir. Sie will erwachen in einem umfriedeten Raum der Besinnung in uns, vor Alltagsgedanken geschützt, befriedet, in dem wir das „Herz in den Kopf hinaufheben“.
Das ewig Weibliche ist keine Genderfrage, sondern? – ja eben.
Es will erschlossen werden, was im Verborgenen lebt in uns:
„Ihr kennt sie wohl, sie schwärmt durch alle Zonen; / Ein Flügelschlag – und hinter uns Äonen!“

 

Anmerkungen

  1. Nebenübung Nr. 5 des anthroposophischen Schulungsweges. Siehe GA 10
  2. Andreas Wiechmann (Werbetexter), Murat Özmen (Archäologe), Hermann Seiberth (Gärtner)
  3. mikro-sozial: Face to face, Kleingruppe, Familie / meso-sozial: Organisationseinheit, Tochterunter- nehmen, gesamte Organisation / makrosozial: großer Konzern, Stadt, Kanton, Land, Interessen- verbände. Näheres siehe: https://anthrowiki.at/Mikro-_meso_und_makrosozial
  4. Symposium: Friedrich Glasl: „Die Praxis systemischer Konfliktbearbeitung in Organisationen“, Witten, 11. März 2016
  5. Rudolf Steiner am 23. Dezember 1917, Basel: „Mit dem geschichtlichen Zusammenhange ist es so, daß für unseren gegenwärtigen Menschheitszyklus wir nicht verstehen können, wir nicht begreifen und richtig empfinden können ein Ereignis, das sich heute, 1917, vollzieht, wo sein Osterjahr ist, wenn wir nicht zurückschauen bis in die Zeit, da sein Weihnachtsjahr war, wenn wir nicht zurückschauen in das Jahr 1884. Für das Jahr 1914 ist also zurückzuschauen in das Jahr 1881. Was die Generation, die vorher an der Geschichte mitgetan hat, für Impulse hineingewor- fen hat in den Strom des geschichtlichen Werdens, das hat eine Lebenszeit von dreiunddreißig Jahren; dann ist sein Osteranfang, dann ist seine Auferstehung. […] Zusammenhänge in Intervallen von dreiunddreißig zu dreiunddreißig Jahren, das ist dasjenige, was Verständnis bringt in dem fortlaufenden Strom des geschichtlichen Werdens. […] Und eine Zeit muss kommen, wo der Mensch in der Weihezeit, die ihren Anfang nimmt mit der Weihenacht vom 24. auf den 25. Dezember, sich darauf besinnt : Was du – so möge er sich sagen –, was du jetzt tust, das wird fortwirken und erst auferstehen und erst äußere Tat werden, nicht im persönlichen, im geschichtlichen Sinne, nach dreiunddreißig Jahren. Ich verstehe dasjenige, was jetzt geschieht, wenn ich zurückblicke – selbst im äußeren Geschehen verstehe ich dasjenige, was jetzt geschieht – auf die Zeit, die sich jetzt nach der Regel der dreiunddreißig Jahre erfüllen muss.“
  6. Die Polarität zwischen dem Entwicklungsstrom aus der Vergangenheit und dem Einschlag aus dem Zukunftsstrom aus dem Reich der Dauer ist beschrieben in den Vorträgen vom 6.–13. September 1918 in Dornach: „Die Polarität von Dauer und Entwicklung im Menschenleben“ (GA 184)
  7. In einem unveröffentlichten Vortrag über „Wahrnehmung und Begriff im Kontext der Symptomatologie“ vom Juni 2003 in Bommersvik/Schweden hat Lex Bos, Zeist/Niederlande diese sich notwendig widersprechenden und doch zusammengehörenden Zeitströme anschaulich charakterisiert. Das Urbild dafür findet sich im „Grundsteinspruch“: „Geist-Erinnern“ (Phänomenologie) und „Geist-Erschauen“ (Symptomatologie). Der Grundstein ist der Spruch, den Rudolf Steiner der neubegründeten Anthroposophischen Gesellschaft als ihr Fundament gab. Siehe „Die Weihnachtstagung zur Begründung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft 1923/1924 “ (GA 260) und
    Willem Zeylmans van Emmichoven: „Der Grundstein“.
  8. 13.09.1964: Der US-amerikanische Bürgerrechtler und Baptistenpastor Martin Luther King (35 J.) besucht das seit drei Jahren geteilte Berlin. Nach einer Predigt vor 20.000 Menschen in der Westberliner Waldbühne lässt er sich an die Berliner Mauer bringen, wo man am Morgen einen von fünf Kugeln schwer verletzten DDR-Flüchtling über die Mauer gerettet hat.
    Obwohl US-Behörden ihm – wohl wegen des Zwischenfalls – seinen Pass abgenommen haben, will Martin Luther King wie geplant in den sozialistischen Ostteil der Stadt und lässt sich an den Checkpoint Charlie fahren. Obwohl er nur seine American-Express-Card dabei hat, lassen die DDR-Grenzer ihn einreisen. – Der gewaltlose Widerstand könne überall funktionieren, sagte King und erinnerte an die Näherin Rosa Parks, mit der der Busboykott in Montgomery begonnen hatte, und an sein Vorbild Gandhi. (www.aref.de/kalenderblatt/2019/37_martin-luther-king_in-berlin_1964.php) Anm. (Sept. 1964 + 33 1/3 = Jan 1998) Ev. Pastoren berichteten mir, die Ermutigung durch M.L.King hätte als Kraftquelle die Widerstandsbewegung befeuert bis 1989.
  9. 3 x 33 1⁄3 Jahre = 100 Jahre. Die Umlaufzeit eines Jahrhunderts mit ähnlicher Kulminationswirkung. „Man erkennt die Intensität eines Impulses, den der Mensch ins geschichtliche Wer- den hineinlegt, auch in seiner Wirksamkeit durch drei Generationen hindurch, ein ganzes Jahrhundert hindurch.” (Rudolf Steiner, GA 180, Vortrag vom 26.12.1917, S. 60).
  10. Weide = (mhd. wīde, ahd. wīda) und vergleichbare Substantive aus anderen indogermanischen Sprachen (z. B. schwed. vide „Weide“, lat. vitis „Ranke, Rebe“, griech. itéā „Weide“) lässt sich unter Rückgriff auf lautähnliche Verben wie lat. viere „binden, flechten“ und russ. vit
    „winden“ die gemeinsame idg. Wurzel *uei(ə)– „biegen, winden, drehen“ erschließen, http://red.wissen.de/wortherkunft/weide
  11. Wir können die darin verborgene Weisheit lesen, entschlüsseln, wenn wir die als Code verwendeten Zeichen = Runen und Glyphen entziffern. Den Schlüssel für den Code zur Entschlüsselung der Glyphen finden wir im Althochdeutschen. Die mit der Verschlüsselung der alten Weisheiten Beauftragten wurden ‚Kalander‘ genannt. ‚Kalander‘ ist gewissermaßen eine Berufsbezeichnung für Menschen, die in allen Kulturen (im Sufismus ‚Qualaender‘) Träger der erinnerten alten Weisheit waren, und die Aufgabe hatten, sie in Glyphen verzaubert zu tradieren, so dass sie in Märchen-, Sagen-, Epen-, Legenden-Bildern, Malereien, Skulpturen und Plastiken bis zu den romanischen Kirchen-Bauhütten als dem Unkundigen verborgene Sprache hineingeheimnisst werden konnten. So konnten sie die Zeiten der Dunkelheit überdauern, in denen sie dem menschlichen Bewusstsein im Übergang vom traumhaften Bilderbewusstsein zum wachen Verstandesbewusstein verloren gehen mussten. Nach dem Ablauf des ‚Kali Yuga‘, dem finsteren Zeitalter, im Jahre 1899 und dem Anbruch des lichten Zeitalters – Krita Yuga (Satya-Yuga) –, in dem wir leben, kann uns der Code helfen, diese verborgene Sprache wieder zu entschlüsseln, sie zu enträtseln. (Sechs Jahre vorher wurde 1893 Rudolf Steiners „Die Philosophie der Freiheit – Grundzüge einer modernen Weltanschauung“ publiziert). Dass der Code zur Verschlüsselung des verloren gehenden Wissens in Glyphen einheitlich in allen Sprachen der nachatlantischen Kulturen angewandt wurde, erklärt sich aus der gemeinsamen Quelle der indoeuropäischen Sprachen im Sanskrit, des auf 1500 v. Chr. datierten Altindischen und seinem Ursprung in den noch viel länger zurückliegenden Sonnenmysterien der versunkenen Atlantis.
  12. „Elpis, Hoffnung“, aus Goethe, „Urworte. der griechischen Mythologie, vermutlich des Zeus) und Mutter der Göttin des Gerüchts „Pheme“ (lat. Fama); ihr entspricht die lateinische Göttin der Hoffnung „Spes“ (Wikipedia). // Im Verhältnis dazu Anthrowiki: Elpis, die Hoffnung, lat. Spes, ist eine der drei von Paulus genannten christlichen Tugenden (1 Kor. 13,13). Nachdem alle Übel aus der Büchse der Pandora entwichen sind, bleibt einzig Elpis (griech. ἐπίς), die Hoffnung, zurück. Hoffnung ist nach Rudolf Steiner die eigentliche Tugend des physischen Leibes: „Das was wir im Leben brauchen als im eminentesten Sinne belebende Kräfte, das sind die Kräfte der Hoffnung, der Zuversicht für das Zukünftige. Der Mensch kann ohne die Hoffnung überhaupt nicht einen Schritt im Dasein machen, insoweit es der physischen Welt angehört […] Hoffnung ist […] die eigentliche Tugend des physischen Leibes […].“ (Weiterlesen ist sehr zu empfehlen.)